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Kapitel 1




Es war ein schöner, freundlicher Tag an der
Nordseeküste nahe Greetsiel.
„Sie sind unmöglich!“, tönte es hinter der Hecke
hervor.
„Danke, das Kompliment kann ich nur
zurückgeben.“, erwiderte er grimmig. „Und jetzt stell
dein Auto weg, du Rabauke. Es versperrt meine Einfahrt. Wir haben hier Regeln.“
Die junge Frau hinter der Hecke flüchtete zurück in
ihr Ferienhaus.
Der alte Ostfriese strich sich zufrieden über seinen
langen, grauen Bart. Man konnte ihn pedantisch nennen, aber er sorgte dafür, dass Regeln eingehalten werden mussten.
Und wer sich nicht an diese Regeln hielt, lernte seine
Art kennen.
Gemächlich arbeitete er weiter um den Rasenmäher wieder zu reparieren.
Und dann tauchte plötzlich sein Nachbar hinter der anderen Ecke auf.
Der Streit begann wegen der Bank.
Nicht wegen Geld.
Wegen einer tatsächlichen Bank. Einer Sitzbank aus Eichenholz, die der Heimatverein vor dem kleinen Hafen aufgestellt hatte.
„Für Gäste und Radwanderer“, hatte auf dem Messingschild gestanden.
Hinnerk Claassen hatte das Schild drei Tage später abgeschraubt.
Nun stand der Vorsitzende des Heimatvereins vor seinem Zaun und hielt das Schild in der Hand wie ein Beweisstück aus einem Mordprozess.
„Du kannst doch nicht einfach Eigentum vom Verein entfernen.“
Hinnerk sah nicht einmal hoch. Er stocherte mit einem Schraubenzieher im Vergaser seines alten Rasenmähers herum.
„Hab ich ja nicht.“
„Das Schild ist abmontiert worden.“
„Dann wird’s wohl Beine gekriegt haben.“
„Hinnerk.“
„Manfred.“

Der Wind schob eine Handvoll feinen Nieselregens über den Hof. Irgendwo schrie ein Möwenvieh wie eine rostige Tür.
Manfred trat näher an den Zaun.
„Die Leute wollen sich da hinsetzen.“
„Dann sollen sie zu Hause bleiben.“
„Das sind Touristen.“
„Eben.“
Manfred atmete hörbar durch die Nase. Das tat er immer, bevor er versuchte, vernünftig zu bleiben.
„Du kannst nicht sämtliche Urlauber hassen.“
Jetzt sah Hinnerk doch hoch.
„Doch.“
Kurzes Schweigen.
Dann sagte Manfred:
„Du lebst praktisch von denen.“
„Ich bin 72, ich lebe seit acht Jahren von Bluthochdrucktabletten und Schwarztee.“
Vom Deich her kamen zwei Radfahrer vorbei. Beide trugen diese grellen Regenjacken, die aussahen, als wollten sie im Notfall vom Seenotrettungskreuzer gefunden werden.
Die Frau winkte freundlich in den Hof.
„Moin!“
Hinnerk hob die Augenbrauen.
„Vonwegen.“
Die Radfahrer fuhren irritiert weiter.
Manfred rieb sich über das Gesicht.
„Siehst du? Genau deshalb nennt dich das halbe Dorf den fiesen Ostfriesen.“
„Nur das halbe? Dann hab ich nachgelassen.“
Der alte Rasenmäher hustete plötzlich schwarz auf und starb wieder ab.
Hinnerk nickte langsam.
„Wie Dieter damals beim Grünkohlessen.“
Manfred wollte nicht lachen. Wirklich nicht.
Man sah es ihm an, wie er dagegen kämpfte.
Das machte es nur schlimmer.
„Du bist unmöglich“, sagte er schließlich.
„Ja“, antwortete Hinnerk. „Aber konsequent.“
Manfred fing sich wieder.
„Jedenfalls kommt das Schild zurück.“
Hinnerk zog den Schraubenzieher aus dem Vergaser und betrachtete ihn mit der Ruhe eines Mannes, der schon länger mit Maschinen sprach als mit Menschen.
„Nö.“
„Der Bürgermeister kommt heute Nachmittag vorbei.“
„Dann soll er ein neues Schild mitbringen.“
„Es geht ums Prinzip.“
„Das ist meistens der Anfang von Unsinn.“
Manfred starrte ihn an, als überlegte er kurz, ob Körperverletzung unter Nachbarschaftspflege fiel.
Vom Hafen her drang das dumpfe Tuckern eines Krabbenkutters herüber. Der Wind hatte gedreht. Jetzt roch alles nach Salz, Diesel und feuchtem Tang.
Hinnerk mochte das.
Menschen weniger.

Am Gartentor erschien plötzlich Heike Bentsen mit ihrem Dackel Erwin. Der Hund war fett und sah dauerhaft beleidigt aus.
„Na?“ sagte sie vorsichtig. „Was ist denn hier wieder los?“
„Dein Lieblingsmisanthrop sabotiert den Fremdenverkehr“, schimpfte Manfred.
„Ach“, sagte Heike. „Heute ist also Mittwoch.“
Hinnerk schnaubte.
Heike beugte sich etwas über den Zaun.
„Hinnerk, du kannst doch nicht jedes Mal die Schilder abschrauben.“
„Doch.“
„Warum überhaupt?“
Er richtete sich langsam auf. Die Knie knackten hörbar.
„Weil die da sitzen.“
„Ja und?“
„Dann gucken die.“
„Das ist Sinn einer Bank.“
„Die glotzen direkt auf mein Küchenfenster.“
Heike blinzelte.
„Da hängen Gardinen.“
„Gardinen sind kein Freibrief.“
Manfred verlor sichtbar den letzten Rest Geduld.
„Normale Menschen freuen sich über Besucher.“
Hinnerk nickte langsam.
„Und normale Menschen hören auch Musikantenstadl.“
„Das gibt’s gar nicht mehr.“
„Siehst du“, sagte Hinnerk. „Hat das Schicksal doch noch Gnade.“
Heike biss sich auf die Lippen. Der Dackel schnaufte.


Dann kam der eigentliche Grund heraus, wie meistens in Dörfern. Nicht plötzlich. Eher seitlich.
Heike sagte vorsichtig:
„Die Leute reden schon.“
„Die Leute reden immer“, murmelte Hinnerk.
„Diesmal über den Hof.“
Jetzt wurde es still.
Selbst Manfred sah kurz weg.
Hinnerk legte den Schraubenzieher langsam auf die Werkbank.
„Was denn über den Hof?“
Heike zögerte.
„Dass du verkaufen willst.“
Der Wind fuhr einmal hart über den Hof. Irgendwo klapperte loses Blech.
Hinnerks Gesicht veränderte sich kaum. Nur die Augen wurden kleiner.
„Wer erzählt den Mist?“
„Ach … du weißt doch, wie das ist.“
Ja. Das wusste er.
Im Dorf hatten Gerüchte keine Quelle. Sie krochen einfach irgendwann aus dem Boden wie Unkraut.
Manfred räusperte sich.
„Der Makler aus Emden war letzte Woche hier.“
„Der hat sich verfahren.“
„Er hatte Pläne dabei.“
„Der Mann trägt auch Segelschuhe im Februar. Dem vertraut man grundsätzlich nicht.“
Heike sah ihn vorsichtig an.
„Verkaufst du denn nun?“
Hinnerk schwieg einen Moment.
Dann griff er wieder nach dem Schraubenzieher.
„Eher tanze ich Samba.“

Und weil niemand wusste, was man darauf sagen sollte, standen sie einfach da und hörten dem Wind zu.






Kapitel 2





Am Donnerstagmorgen stand ein gelber Müllsack seitlich auf Hinnerks Auffahrt.
Nicht daneben.
Nicht verweht.
Mitten darauf.
Hinnerk blieb in der Haustür stehen und betrachtete ihn lange.
Der Wind bewegte die obere Ecke leicht hin und her, als würde der Sack selbst nervös werden.
„Aha“, sagte Hinnerk.
Dann ging er wieder hinein, zog seine Jacke an, setzte die Mütze auf und kam mit einem Zollstock zurück.
Nicht, um den Sack wegzuräumen.
Um ihn zu vermessen.

Von der anderen Straßenseite beobachtete Frau Eilers das Ganze hinter ihrer Gardine. Man konnte ihre Silhouette deutlich erkennen. Frau Eilers glaubte allerdings fest daran, unsichtbar zu sein, solange nur das Licht hinter ihr ausblieb.
Hinnerk maß den Abstand zur Grundstücksgrenze.
Dann nickte er.
„Siebenunddreißig Zentimeter.“
Er sagte das laut genug, damit Frau Eilers es hören konnte.
Keine zwei Minuten später ging auf der anderen Straßenseite die Haustür auf.
„Moin“, sagte sie.
„Moin.“
Frau Eilers zog den Reißverschluss ihrer Fleecejacke höher.
„Das ist ja wohl nicht deiner.“
Hinnerk sah auf den Sack.
„Nein. Ich lagere meinen Hausmüll gewöhnlich nicht dekorativ auf der Einfahrt.“
„Vielleicht hat den der Wind—“
„Der Wind bindet keine Doppelknoten.“
Das stimmte. Der Sack war ordentlich verschlossen. Um einen zufälligen Positionswechsel zu vollführen, war es zu windstill.
Frau Eilers verschränkte die Arme.
„Du unterstellst mir wohl was.“
„Ich unterstelle gar nichts. Ich beobachte nur einen erstaunlichen Zusammenhang zwischen deinem Müll und meinem Grundstück.“
„Vielleicht war das jemand anders.“
„Natürlich. Vielleicht streunen nachts auch wilde Müllsäcke durchs Dorf.“


In diesem Moment bog Nachbar Onno Petersen mit seinem Fahrrad um die Ecke. Wie immer trug er eine Warnweste. Selbst im Hochsommer. Onno sah aus, als rechne er jederzeit mit einem Rettungshubschraubereinsatz.
„Was ist denn hier los?“
„Kriminalität“, sagte Hinnerk.
Onno stieg sofort ab. „Wirklich?“
„Nein. Leider nur Nachbarschaft.“
Frau Eilers zeigte empört auf den Sack.
„Er behauptet, das wäre meiner.“
„Ist deiner.“
„Beweise es doch!“
Hinnerk sah sie einen Moment ruhig an.
Dann nahm er den Zollstock und drehte den Sack langsam um.
Ein leerer Vanillepuddingbecher rollte heraus.
Darauf klebte ein Rabattaufkleber von Eilers Markt.
Frau Eilers wurde rot.
„Das beweist überhaupt nichts.“
Hinnerk nickte.
„Stimmt. Vielleicht gibt es im Dorf noch jemanden mit derselben Vorliebe für billigen Vanillepudding und schlechter Müllmoral.“

Onno trat vorsichtig näher an den Sack heran, als könnte er explodieren.
„Vielleicht sollte man die Polizei—“
„Onno“, sagte Hinnerk müde, „das hier ist Ostfriesland. Wir lösen Müllkonflikte noch ohne Spezialeinheit.“
Frau Eilers stemmte die Hände in die Hüften.
„Du bist einfach ein unangenehmer Mensch.“
„Das sagen viele. Du musst dich also nicht ausgeschlossen fühlen.“
Der Wind frischte auf und trieb einen scharfen Geruch von Fischresten über die Auffahrt.
Jetzt entdeckte Hinnerk auch die undichte Stelle unten am Sack.
Langsam hob er den Blick.
„Hat der etwa die ganze Nacht hier gestanden?“
Frau Eilers sagte nichts.
Das Schweigen reichte völlig.
Hinnerk nickte langsam.
„Gut.“
„Was heißt gut?“
Er stellte den Zollstock gegen die Hauswand.
„Jetzt wird zurückeskaliert.“
Onno sah alarmiert aus.
„Was bedeutet das?“
Hinnerk setzte bereits seine Mütze gerade.
„Das bedeutet“, sagte er ruhig, „dass ich heute sehr beschäftigt bin.“




Kapitel 3






Als Hinnerk zwei Stunden später zurückkam, saß die Katze auf seiner Regentonne.
Sie war grau, mager und hatte das Gesicht eines Wesens, das zu viel über Menschen wusste.
Hinnerk blieb stehen.
Die Katze sah ihn an.
Zwischen ihnen entstand sofort diese stille Feindseligkeit, die nur alte Männer und fremde Katzen beherrschen.
„Verschwinde“, sagte Hinnerk.
Die Katze blinzelte langsam.
„Mach hier nicht so’n Zen-Gesicht.“
Keine Reaktion.
Hinnerk stellte den leeren Müllsack neben die Tür. Sein „Zurückeskalieren“ war erfolgreich gewesen. Frau Eilers hatte ihren gesamten Biomüll wenige Minuten zuvor aus ihrer eigenen Regentonne fischen müssen. Das Dorf würde vermutlich bis Sonntag darüber sprechen.
Die Katze sprang von der Tonne.
Sehr langsam. Sehr bewusst.
Dann lief sie direkt an Hinnerk vorbei ins Haus.
Hinnerk drehte sich um.
„Entschuldigung?“
Die Haustür stand noch offen.
Drinnen hörte man nichts.
Das war verdächtig.
Hinnerk trat in den Flur.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Er ging ins Wohnzimmer.

Die Katze saß mitten auf seinem Sessel.
Seinem Sessel.
Dem alten braunen Ohrensessel neben dem Ofen, in dem seit zwanzig Jahren kein anderer Mensch sitzen durfte, nachdem Dieter Kruse dort einmal mit nasser Regenjacke eingeschlafen war.
Die Katze hatte sich bereits eingerollt.
„Das ist meiner.“
Ein Ohr zuckte kurz.
„Ich hab gesagt: meiner.“
Die Katze hob langsam den Kopf und sah ihn an, als wäre er ein etwas langsamer Hotelangestellter.
Hinnerk stemmte die Hände in die Hüften.
„Du hast hier gar nichts verloren.“
Da sprang das Tier plötzlich vom Sessel, lief in die Küche und blieb vor dem Kühlschrank sitzen.
„Unverschämt bist du auch noch.“
Die Katze miaute.
Nicht freundlich.
Eher vorwurfsvoll.
Hinnerk starrte sie an.
Dann öffnete er widerwillig den Kühlschrank.
„Ich hab nur Matjes.“
Die Katze miaute erneut.
„Das war früher mal ein ehrbares Tier“, murmelte Hinnerk und nahm den Fisch heraus.
Wenige Minuten später stand er am Küchenfenster und beobachtete die Katze beim Fressen.

Draußen zog Nieselregen übers Dorf. Gegenüber schob Frau Eilers ihre Mülltonne demonstrativ weit weg von der Grundstücksgrenze.
Die Katze fraß, als hätte sie seit Tagen nichts bekommen.
„Du gehörst bestimmt irgendwem.“
Keine Antwort.
„Wahrscheinlich irgendeiner alleinstehenden Heilpraktikerin mit Chakren an der Wand.“
Die Katze schleckte sich die Pfote.
Hinnerk setzte sich langsam an den Tisch.
„Ich sag dir gleich: Hier wird nicht gehaart.“
Das Tier sprang mit einem Satz auf die Fensterbank.
Dann blieb sie dort sitzen und blickte hinaus in den Regen.
Still.
Als würde sie schon lange hier wohnen.
Hinnerk wollte das nicht gefallen.
Deshalb stellte er ihr eine Untertasse mit Wasser hin.
Am Abend hatte der Regen aufgehört.
Über den nassen Straßen hing dieses kalte, klare Licht, das Ostfriesland manchmal aussehen ließ wie ein altes Schwarzweißfoto.
Die Katze saß immer noch auf der Fensterbank.
Seit drei Stunden.
Ohne sich zu bewegen.
Hinnerk begann langsam, ihr das übelzunehmen.
„Machst du auch noch was anderes außer starren?“
Die Katze sah hinaus.
„Das kann ich selber.“
Er setzte Wasser für Tee auf und beobachtete das Tier misstrauisch von der Küche aus. Irgendetwas an dieser Ruhe machte ihn nervös. Normale Katzen liefen herum. Warfen Sachen um. Verachteten Menschen aktiver.
Diese hier wirkte, als würde sie ihn beurteilen.
Das missfiel ihm.

Später am Abend klopfte es an der Tür.
Natürlich ohne Vorwarnung.
Menschen im Dorf klopften nie vorsichtig. Sie hämmerten grundsätzlich, als müssten sie jemanden aus einem brennenden Haus retten.
Hinnerk öffnete.
Draußen stand ein Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren in einer viel zu dünnen Jeansjacke.
„Äh … entschuldigung“, sagte sie. „Ist hier vielleicht eine Katze vorbeigekommen?“
Hinnerk antwortete nicht sofort.
Er musterte sie erst.
Nasse Turnschuhe. Fahrrad. Gerötete Hände. Ehrlicher Gesichtsausdruck. Schlechte Voraussetzungen fürs Dorfleben.
„Welche Katze?“
„Grau. Dünn. Hört auf den Namen Frau Schröder.“
Hinnerk verzog das Gesicht.
„Das ist kein Katzenname, das ist ein Name für eine Steuerberaterin.“
Das Mädchen lächelte trotzdem leicht.
„Sie haut manchmal ab.“
„Verständlich.“
Im Hintergrund sprang die Katze plötzlich von der Fensterbank.
Dann geschah etwas Verräterisches.
Sie lief nicht weg.
Sie lief zur Haustür.
Das Mädchen beugte sich sofort vor.
„Da bist du ja!“
Die Katze miaute kurz.
Zum ersten Mal klang sie freundlich.
Hinnerk fühlte sich grundlos beleidigt.
„Aha“, sagte er. „Bei mir guckt sie nur wie ein enttäuschter Pastor.“
Das Mädchen hob die Katze auf den Arm.
„Tut mir leid, wenn sie gestört hat.“
„Hat sie.“
Kurze Pause.
„Aber sie hat wenigstens nicht geredet.“
Jetzt musste das Mädchen lachen. Richtig lachen. Warm und ungefiltert.
Das passierte in Hinnerks Haus so selten, dass selbst der Flur irritiert wirkte.
„Dann danke trotzdem.“
Sie drehte sich schon zur Straße, blieb aber noch einmal stehen.
„Sie mag normalerweise keine Menschen.“
Hinnerk schnaubte leise.
„Dann hat sie Geschmack.“
Das Mädchen grinste.
Dann ging sie mit der Katze im Arm den Weg hinunter. Das Tier blickte noch einmal über ihre Schulter zurück.
Kurz nur.
Als würde sie überlegen.
Dann verschwanden beide langsam hinter den nächsten Häusern.
Hinnerk blieb noch einen Moment in der offenen Tür stehen.
Der Wind war kalt geworden.
Irgendwo klapperte lose Takelage am Hafen.
Im Haus war es plötzlich still.
Zu still.
„Na wunderbar“, murmelte er schließlich.
Dann stellte er fest, dass die verdammte Katze Haare auf seinem Sessel hinterlassen hatte.



Kapitel 4




Sein Blick fiel auf die Kommode, die an der gegenüberliegenden Wand stand.
Das Bild stand seit elf Jahren auf derselben Kommode.
Nicht weil Hinnerk besonders sentimental gewesen wäre.
Sondern weil er irgendwann aufgehört hatte, Dinge zu verändern.
Der Rahmen war aus dunklem Holz, an einer Ecke leicht abgesplittert. Martha lachte darauf in die Kamera, den Kopf schief, die Haare vom Wind zerzaust. Hinter ihr das Wattenmeer bei Ebbe.
Hinnerk hatte das Foto gemacht.
Unscharf eigentlich.
Sie hatte sich bewegt, kurz bevor er abdrückte.
„Jetzt sieh doch einmal vernünftig in die Kamera“, hatte er damals gesagt.
Und Martha hatte geantwortet:
„Das Leben ist doch auch ständig in Bewegung.“
So redete sie manchmal.
Anstrengend poetisch.
Damals hatte ihn das wahnsinnig gemacht.
Heute fehlte es ihm.
Hinnerk stand lange vor dem Bild, die Teetasse in der Hand.
Die Uhr im Wohnzimmer tickte schwer durch die Stille.
Draußen schob der Wind feinen Regen gegen die Scheiben.

Martha war an einem Dienstag gestorben.
Das wusste Hinnerk noch genau, weil dienstags immer der Fischwagen ins Dorf kam und sie sich am Morgen noch darüber gestritten hatten, ob man für guten Räucheraal wirklich nach Leer fahren müsse.
„Du fährst sechzig Kilometer für einen Fisch“, hatte sie gesagt.
„Qualität kennt keinen Radius.“
„Blödsinn kennt auch keinen.“
Dann hatte sie gelacht.

Ein paar Stunden später war sie tot gewesen.
Ein Schlaganfall im Supermarkt zwischen Dosenspargel und Katzenfutter.
Einfach umgefallen.
Als hätte jemand im Himmel beschlossen:
So. Reicht jetzt.
Hinnerk hatte lange geglaubt, Menschen müssten würdevoller sterben.
Mit letzten Worten.
Mit Bedeutung.
Nicht zwischen Sonderangeboten.
Nach der Beerdigung war das Haus plötzlich zu groß geworden.
Nicht sichtbar.
Akustisch.
Jeder Raum hatte angefangen zu hallen.
Die Küche zuerst.
Dann das Schlafzimmer.
Am schlimmsten war abends das Wohnzimmer gewesen, wenn niemand mehr sagte:
„Mach den Fernseher doch mal leiser, Hinnerk.“
Er hatte ihn danach monatelang überhaupt nicht mehr eingeschaltet.

Irgendwann begannen die Leute im Dorf wieder normal mit ihm zu reden.
Das nahm ungefähr ein halbes Jahr ein.
Vorher hatten sie diese langsame Stimme benutzt, die Menschen verwenden, wenn jemand entweder trauert oder kurz davor ist, ein Wildtier zu erlegen.
Hinnerk hatte beides gehasst.
Also hatte er angefangen, unfreundlich zu werden.
Nicht absichtlich.
Eher gründlich.
Er sagte zuerst nur weniger.
Dann direktere Dinge.
Dann irgendwann Dinge, die andere Menschen bloß dachten.
Das ging erstaunlich schnell.
Alleinsein veränderte einen.
Vor allem dauerhaft.
Es machte die eigenen Gedanken lauter.
Und fremde Menschen anstrengender.
Hinnerk nahm das Bild in die Hand.
Auf der Rückseite stand in Marthas krakeliger Schrift:
Wenn ich zuerst gehe, benimm dich wenigstens gelegentlich wie ein Mensch.
Er schnaubte leise.
„Hat ja hervorragend geklappt.“
Dann stellte er das Bild zurück auf die Kommode.
Ganz genau an dieselbe Stelle wie vorher.
Die Tochter
der beiden
meldete sich meistens sonntags.
Nicht aus Tradition.
Eher aus schlechtem Gewissen mit Uhrzeit.
Punkt neunzehn Uhr klingelte das Telefon in der Küche, und Hinnerk ging grundsätzlich erst nach dem vierten Klingeln ran. Man musste den Leuten nicht auch noch angewöhnen, dass man verfügbar war.
„Ja.“
„Hallo Papa.“
„Wer sonst.“
Am anderen Ende hörte er das vertraute Ausatmen seiner Tochter.
Anke hatte diese Art zu seufzen von Martha geerbt. Eine Mischung aus Müdigkeit und Geduld.
„Wie geht’s dir?“
„Lebe noch.“
„Das ist kein vollständiger Satz.“
„Doch.“
Kurze Pause.
Irgendwo im Hintergrund lief Musik. Irgendein hektisches Großstadtgedudel ohne richtige Melodie.
Hamburg klang immer, als hätte jemand zu viele Menschen in zu wenig Raum gestopft.
„Warst du mal beim Arzt wegen deines Hustens?“
„Der geht von allein weg.“
„Das sagst du seit Februar.“
„Hat ja funktioniert. Ist fast Juni.“